Die Vögel am Linzer Hauptbahnhof

Liebe Leserinnen und Leser!
Heute präsentiere ich euch eine Kurzgeschichte aus meinem alltäglichen Leben.
Gestern – die Beobachtung von Vögeln am Linzer Hauptbahnhof.

Die Vögel am Linzer Hauptbahnhof

Ich bin ein Spatz. Einer von vielen, braunen, unscheinbaren Vögelchen, die täglich durch den Hauptbahnhof in Linz flitzen und durch ihre schiere Alltäglichkeit in der Menge untergehen.
Wenn man dreißig Minuten lang in einem MC – also mächtig charmanten – Fastfoodrestaurant sitzt, inmitten der vielen anderen Spatzen in allen möglichen Braun- und Beigetönen, kann es schon mal vorkommen, dass man anderen Vögeln begegnet.
Der Anblick eines älteren Täuberichs brach mir heute fast das Herz.
Sein Federkleid war grau und ich hielt ihn zuerst einfach nur für gelangweilt oder besonders hilfreich.
Er durchstreifte mit einem Lächeln und einem Gruß das Restaurant, räumte Tabletts mit Essensresten weg und gurrte fröhlich den anderen Vögeln zu.
Nur duch meine geschickte Position bei den Abfalleimern konnte ich schließlich den wahren Grund seines Tuns erkennen.
Als er glaubte, niemand würde ihn beobachten, gurrte er nervös, sammelte die vielen Essensreste der anderen Spatzen auf einem Tablett zusammen und verschlang sie so schnell er konnte. Ein obdachloser Täuberich? Ohne eigenes Nest?
Sein Federkleid wirkte nicht verwahrlost, er war sauber und ordentlich.
Doch der offensichtliche Hunger mit dem dieser in die Jahre gekommene, graue Täuberich die Reste der anderen Spatzen verschlang, ließ mein kleines Spatzenherz kurz auf Kolibrigeschwindigkeit höher schlagen. Er tat mir unendlich Leid.
So schnell wie er gekommen war, verschwand er in der Menge des Hauptbahnhofs – und machte für andere Raubvögel Platz.
Zwei diebische Elstern flogen herein, beide mit Küken unter den Flügeln, die aussahen als wären sie gerade erst geschlüpft. Sie weinten bitterlich.
Die Elstern hatten sich verkleidet und ihr schwarz-weißes Federkleid gegen bunte und gemusterte Federn getauscht. Ein Täuschungsmanöver? Sie wirkten dadurch nicht weniger diebisch.
Während ich einem Erpel zusah, der sein schnatterndes Küken fütterte und wässerte, trennten sich die Elstern und schwärmten aus.
Nervös sprangen sie zwischen den Tischen hin und her, bettelten alle anderen Vögel um glänzende Dinge an und wurden schließlich vom Leitvogel des Restaurants, einem wütenden Auerhahn, verjagt.
Die Elstern hatten nichts ergattert, machten sich aber auf den Weg zu den Ticketautomaten um bei anderen Spatzen glänzendes Geschmeide zu erbetteln.
Irgendwie taten sie mir trotzdem Leid, obwohl ich diebische Elstern verabscheue.
Aber etwas sagte mir, dass die bunten Elstern das Diebesgut nicht für sich behaleten wollten, sondern es sammeln mussten um den Klauen eines größeren, stärkeren Raubvogels zu entgehen.
Nach dreißig Minuten ließ ich die vielen braunen Spatzen hinter mir und schloss mich einem Schwarm Vögel an, der in Richtung Heimat flog.
Und ich war froh darüber, dass ich ein warmes Nest hatte und genug Glänzendes, um nicht zu einer Tauber oder einer Elster zu werden.

***

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